Die Zeitwende - Was schreibt A. Gosztonyi dazu?

470 Schreibmaschinenseiten (unkorrigiert) aus dem Jahr 1988 wurden im Nachlass gefunden. Der Titel lautet:

DIE ZEITWENDE - 1. TEIL - Die Welt der statischen Zeit

Hier als pdf das eingescannte Inhaltsverzeichnis

Es werden im Laufe der Zeit einzelne Textstellen zitiert oder eingescannt und hier zur Verfügung gestellt.

Die astronomische Wende im Weltbild

Seite 1: Im abendländischen Kulturkreis erfuhr das Weltbild im letzten halben Jahrtausend eine radikale Änderung. Sie betraf die Raumordnung der Welt und erfolgte in zwei Etappen. Erstens löste die heliozentrische Weltansicht die geozentrische ab, zweitens musste die Vorstellung eines statisch-mechanischen Weltraumes der Vorstellung eines dynamischen weichen. (Im 1. Teil wird die Welt der statischen Zeit historisch dargelegt.)

 1. pdf Zeitwende - Die astronomische Wende im Weltbild S. 1-8

Seite 10: ... Entscheidend für die scholastische Weltsicht war, dass der Kosmos nicht von aussen, sondern ausschliesslich von innen her betrachtet wurde. Nicht nur der Raum, sondern auch die Vorstellung von ihm hörte an seiner äusseren Grenze gewissermassen auf. Innerhalb des Kosmos war alles auf die Existenz des Menschen bezogen. Denn ein Organismus stellt ein einheitliches Funktionssystem dar, in welchem alles seinen festgefügten Platz und seinen Rang hat. Der Kosmos als Organismus wurde ausschliesslich im Hinblick auf den Menschen erschaffen, dies lehrt auch die biblische Schöpfungsgeschichte. Der Kosmos lebt, um das Leben des Menschen zu ermöglichen. Darum galt dieses Weltbild nicht als geo-, sondern als homozentrisch, ...

... Die Himmelskörper, die um die Erde kreisen, können natürlich in einem Organismus nicht als neutrale, rein materielle Teile gelten, sondern es wurde auch ihnen Leben zugeschrieben. Jeder Himmelskörper hat seine eigene Sphäre. Diese sind die Gestirn- bzw. Planetensphären, deren Betreuung, so auch die Regulierung ihrer Bewegung, besonderen Wesenheiten oder Engeln, oblag. In Thomas von Aquinos (1226/7 - 1274) Kosmologie spielt die Spekulation über diese Wesenheiten eine wesentlich grössere Rolle als die astronomischen Aspekte. ...

Seite 11: Ein solcher Kosmos schliesst den Menschen wie der Mutterlieb den Embryo ein und bietet ihm höchste Geborgenheit. Der Gedanke der Unendlichkeit oder der Gedanke, dass es ausserhalb des Kosmos noch anderen Welten geben könnte, haben in einer solchen Vorstellung keinen Platz. Und da die Anordnung der Sphären keine bloss räumliche, sondern eine organische ist, die ganz auf den Menschen bezogen ist, kommt das Rütteln am System einer Bedrohung des Menschen gleich. .... Interessanterweise wurde aber gerade die Möglichkeit eines unendlichen Weltalls und die Möglichkeit unendlich vieler Welten von kirchlicher Seite offiziell gerechtfertigt. ...

Seite 13: Der Mensch, der noch nicht reif genug ist, neigt dazu, zu meinen, es könne etwas nicht geben, nur weil er es sich nicht vorstellen oder denken kann. So setzt er den Möglichkeiten durch die Beschränktheit seiner Vorstellungskraft eine Grenze und beschneidet eigentlich die Wirklichkeit. Er merkt nicht, dass er auf Schranken gestossen, bloss an die Grenzen seiner Vorstellungen und keineswegs an die Grenzen der Wirklichkeit gelangt ist. Die Vorstellungen eines Menschen spiegeln seinen inneren Horizont, Weite oder Enge, letztlich seine seelisch-geistige Reife wider. Ist der Mensch innerlich eng, so denkt er sich die Welt entsprechend klein und er denkt von Gott zu gering. Er kann sich nicht vorstellen, dass es in Gottes Welt für alles Platz geben kann. ...

Seite 14: Die Erweiterung der Vorstellung vom Weltall setzt aber ein radikales Umdenken voraus, das letztlich in allen Bereichen, die für den Menschen von Belang sind, vollzogen werden muss. Die Wende von der geozentrischen zur heliozentrischen Weltansicht gab zu diesem Umdenken bloss den ersten Anstoss. Das Umdenken aber ging und geht, wie die Geistesgeschichte zeigt, nur zähflüssig voran. Dies ist allerdings nicht verwunderlich. Denn das astronomische Weltbild wurde mit dem theologischen nicht etwa willkürlich verschmolzen. Das Weltbild wird immer vom Lebensgefühl getragen und das jeweils herrschende Lebensgefühl ist der Schmelztiegel, in welchem heterogene, sich sogar widersprechende Vorstellungen legiert werden.

Das Lebensgefühl ist immer auch eine Antwort auf das natürliche Bedürfnis des Menschen nach Geborgenheit. Dieses Bedürfnis besteht für alle Menschen zu allen Zeiten, nur wird es je nach Entwicklungsniveau und innerer Reife auf eine andere Art befriedigt. Befriedigt wird das Bedürfnis immer durch eine bestimmte Vorstellung, welcher gemäss der Mensch sein Leben einrichten und es als geschützt betrachten kann. Will man seine Vorstellung verändern, so wehrt er sich dageben, weil er sich in seiner inneren Sicherheit bedroht fühlt. ...

Ein Konflikt zwischen der religiösen und der wissenschaftlichen Auffassung bricht erst dann aus, wenn beide, Religion und Wissenschaft, auf einseitige Annahmen reduziert werden, wie dies in den nachfolgenden Jahrhunderten geschah. ...

Seite 15: Aus diesem Grunde verzögert sich auch der Prozess, in welchem er umdenken, die Wandlung des Weltbildes nachvollziehen sollte. Lieber verzichtet er auf die Kenntnisnahme von Tatsachen als dass er seine alte Vorstellung, die ihm Geborgenheit verheisst, aufgibt. Er kann nur schwerlich einsehen, dass das Gefühl der Geborgenheit mit seinem Weltbild im Grunde nichts zu tun hat.  ...

Die Endlichkeit der Welt ist für viele Menschen heute noch der Garant für Geborgenheit, als böte eine räumlich begrenzte Welt von vornherein mehr Sicherheit. Dies ist mit ein Grund, dass die Annahme der Unendlichkeit der Welt auf eine so einmütige Ablehnung stiess.

Seite 16: Ob das Weltall endlich oder unendlich ist, konnte bis heute nicht entschieden werden. Auch in der Zukunft wird man es wissenschaftlich nicht entscheiden können. Die Unendlichkeit des Weltalls kann weder bewiesen noch widerlegt werden. Für den Menschen ist die Unendlichkeit als Wirklichkeit nicht erfahrbar, er kann sie sich nur mit Hilfe von Abstraktion denken.

Die Unendlichkeit oder die Endlichkeit kann hingegen als Hypothese gesetzt werden, mit deren Hilfe beobachtete astronomische oder astrophysikalische Phänomene erklärt werden können. ...

Seite 17: Eine seelische Erfahrung der Unendlichkeit ist zwar möglich, sie setzt aber die Fähigkeit zur mystischen Erfahrung voraus. ...

Seite 24: Es wird auch vielfach angenommen, dass die Reinkarnationslehre zum hinduistischen und buddhistischen Glauben gehöre, was ebenso irrtümlich ist. Die Reinkarnationslehre gehört zur Weltansicht und nicht zur Religion. Sie betrifft die Zeitordnung im Kosmos, wie die kopernikanische Lehre die Raumordnung des Kosmos betrifft, und nicht die Religion.

Die Kontroverse zwischen Wissenschaft und Religion:

Seite 25: ... Wurde zu Beginn der Neuzeit die Vorstellung bezüglich der Raumordnung der Welt einer radikalen Wandlung unterzogen, so kamen im 19. Jahrhundert Gedanken auf, die die alte Vorstellung von der Zeitordnung der Welt in Frage stellten. Der wichtigste unter ihnen war der Gedanke der Evolution. Auch dieser Gedanke löste eine heftige Kontroverse aus, auch bei dieser standen sich eine alte und eine neue Weltsicht gegenüber, nur trat bei der alten der religiöse Charakter unverhüllt hervor. Es waren dies die naturwissenschaftliche Vorstellung über die Entstehung des Menschen und die biblische Schöpfungsgeschichte.

Selbst wenn diese Kontroverse inzwischen, wenigstens einigermaßen, abgeklungen ist, entstand eine neue bezüglich der individuellen Entwicklung des Menschen. Beherrschte die Diskussion um Darwins Abstammungslehre das erste Kapitel der Geschichte der Evolutionstheorie, so stellt nun die Frage nach der individuellen Entwicklung das zweite Kapitel dar. In ihm kristallisiert sich ein völlig neues Selbstverständnis des Menschen heraus, das ihm seine Einordnung in das kosmische Gefüge der Welt möglich macht. Dieser Prozess spielt sich in der Gegenwart ab und markiert die Zeitwende

Wie dies bei der Wende in der astronomischen Weltansicht der Fall war, setzt auch die Zeitwende eine Revision sowohl der wissenschaftlichen als auch der religiösen Vorstellungen voraus. Beide, Wissenschaft und Religion, sind mit Vorstellungen durchsetzt, die nicht zu ihnen gehören. Dies kann die Analyse des naturwissenschaftlichen Denkens und die Grundlagen der Religion verdeutlichen. ...

2.pdf ZEITWENDE - Glaube an Wissenschaft / Was ist "Orthodoxie"?

Seite 34: Die grundlegenden Arten von Wirklichkeit sind die materielle, die seelische und die geistige. Alle drei wirken zusammen und bringen die verschiedenen Erscheinungsweisen der Wirklichkeit hervor.

Die grundlegenden Erscheinungsformen der Wirklichkeit sind die sieben kosmischen Seinsebenen, denen im Menschen die sieben Wesensschichten entsprechen. Diese Erscheinungsweisen sind, um einen anderen Ausdruck zu gebrauchen, lediglich Manifestationsformen der Wirklichkeit und die nicht Wirklichkeit selbst. So bringt beispielsweise die Elektrizitätsenergie je nach Einrichtung Licht, Wärme, Schall hervor, ohne mit diesen identisch zu sein.

Die eine, allem zugrunde liegende Wirklichkeit ist Energie, die als Schwingung hervortritt und die drei grundlegenden Arten von Wirklichkeit hervorbringt. Ihre Abstufungen sind Wirkungsbereiche, die den grossen Frequenzinvervallen dieser Schwingung entsprechen. Sie treten als die sieben kosmischen Seinsebenen in Erscheinung. ...

Seite 42: Die Grundlegung der rationalen Weltansicht - Der Begründer der exakten Wissenschaft war Galilei, den philosophischen Unterbau dazu erarbeitete Descartes. René Descartes (1596-1650) versuchte mittels des methodischen Zweifels das Wissen auf feste Grundlagen zu stellen. Das Wissen kann nur dann als gesichert angesehen werden, wenn es sich auf die Wirklichkeit richtet und diese erfasst hat. So muss vorerst die Frage beantwortet werden: Was ist Wirklichkeit?

Descartes' berühmte Antwort ist der Aufweis zweier Wirklichkeitssphären, die nebeneinander und unabhängig voneinander bestehen, der geistigen und der materiellen. Das Hauptmerkmal der ersten ist die Denkfähigkeit, sie ist die Wirklichkeitssphäre der "denkenden Dinge", der res cogitans, die zweite ist die der Ausdehnung, das Merkmal der res extensa. Die geistige Wirklichkeitssphäre ist also die Welt der Vernunft, die materielle die Welt der Körper. Andere Wirklichkeitssphären gibt es nicht.

Diese schlagend einfache Reduktion der Gesamtwirklichkeit auf zwei klar erfassbare Wirklichkeitssphären ermöglichte eine fruchtbare Vereinfachung der Grundlagen der Wissenschaft. Einmal wurden beide Wirklichkeitssphären als Realitäten, also als tatsächlich bestehende, aufgewiesen. Descartes zeigte den genauen Weg auf, auf welchem jeder denkende Mensch zu ihrer Erfahrung gelangen kann. Zum anderen konnte Descartes auch die grundlegenden Struktureigenschaften beider Wirklichkeitssphären aufzeigen, welche der Forderung der Wissenschaft nach Exaktheit durchaus entsprachen. Das Formgerüst des Denkens, der ersten Wirklichkeitssphäre, wird von der Mathematik, das der zweiten, der Körper, von der Geometrie zur Verfügung gestellt. Damit wurden die beiden Wirklichkeitssphären auf rein formale Zusammenhänge reduziert.

Ein Problem blieb allerdings noch offen. Beide Wirklichkeitssphären galten nicht nur als völlig unabhängig voneinander, sondern auch als einander wesensfremd. Denken und Ausdehnung sind zwei verschiedene Dimensionen des Seins, die miteinander nicht einmal vergleichbar, geschweige in Verbindung gebracht werden können.

Nun gibt es aber ein Wesen, das beide Dimensionen in sich vereinigt: den Menschen. Er denkt und besitzt einen Leib, der ja ein res extensa, ein Körper ist. Beide Dimensionen greifen in ihm ineinander und funktionieren gemeinsam. Was der Mensch denkt, das kann er in die Tat, in die Bewegung des Körpers umsetzen, und was sein Körper bewegt, beispielsweise durch Erregung der Sinnesorgane, das kann er im Denken erfassen.

Da es ein so beredtes Beispiel für die Möglichkeit gibt, dass beide Wirklichkeitssphären ineinander greifen können und sich gegenseitig beeinflussen, muss es auch eine rationale Möglichkeit geben, die den rein formalen Zusammenhang zwischen beiden Wirklichkeitssphären aufdeckt. Dafür fand Descartes ein Modell: an der analytischen Geometrie.

Diese, auch nach ihm benannte kartesische oder Koordinaten-Geometrie, weist die Verbindung zwischen dem rein Abstrakten, der Arithmetik und der Algebra, und dem Anschaulichen, der Geometrie, auf. Arithmetische und algebraische Relationen bedeuten Zahlenverhältnisse, und diesen entsprechen in der Geometrie Raumverhältnissen. Jedem arithmtischenoder algebraischen Verhältnis kann ein Raumverhältnis zugeordnet werden und umgekehrt. Aufgrund dieser Entsprechung kann alles, was in der Wirklichkeitssphäre Ausdehnung, im Raum, vorhanden ist oder vor sich geht, mathematisch exakt erfasst werden. ...

Seite 48: Himmelsmechanik und die natürliche Religion - Ebenso war Isaac Newton (1642-1727) überzeugt, indem er ein Diener der Wissenschaft war, ein Diener Gottes zu sein. Gerade infolge seiner Bemühungen, die Religion mit seiner wissenschaftlichen Denk- und Forschungsarbeit zu unterbauen, wurde er zum zwar unfreiwilligen, aber eigentlichen Begründer der Vernunftreligion. Er war ehrlich überzeugt, dass der Aufweis der Gesetze der "Himmelsmechanik" die Übereinstimmung von christlicher und natürlicher Religion offenkundig machen würde. ...

Seite 50: Es ist nicht ausgeschlossen, dass Newton seine metaphysische Bestimmung des Raumes als "Sensorium Gottes" nicht aufgrund einer Spekulation, sondern aus eigener Erfahrung aufstellen konnte. Trifft dies zu, so muss ihm ein wesentliches Gotteserlebnis zuteil geworden sein. Er muss jene den ganzen Raum erfüllende urtümliche Schwingung erlebt haben, durch welche Gott das ganze Sein belebt und überall gegenwärtig ist. "Raum" ist dann ein Ausdruck für einen Aspekt der Urschwingung, die Gott eigen ist.

Eine solche Art von Gotteserfahrung ist jene, die dann auch als "pantheistisch" bezeichnet wurde, weil sie die Allgegenwart Gottes in der Welt vermittelt. Sie ist eine der grundlegenden Gotteserfahrungen. Der Mensch, der ihrer fähig ist, nimmt durch sein Wesen die alles erfüllende und alles belebende Schwingung unmittelbar auf.

Newton gelang es, die Weltansicht, die sich aus der rationalistischen Denkweise ergab, auf eine solide, wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Seine Annahme der Absolutheit von Raum, Zeit und Bewegung gaben auch der Vorstellung der Welt wiederum feste Umrisse. ...

3. pdf - ZEITWENDE - Himmelsmechanik und die natürliche Religion - Das rationale Denken und die Wissenschaft

 

Seite 62: Die aufsteigende Macht der Vernunft und die immer empfindlicher spürbare Ohnmacht des Glaubens kennzeichneten die einsetzende Entwicklung, die ihren Höhepunkt zur Zeit der Aufklärung erreichte und heute noch nicht ganz abgeklungen ist.

Verdient die Vernunft tatsächlich, so hoch bewertet zu werden, dass sie sogar als Widersacher des Glaubens auftreten kann? Oder muss sie wirklich so tief eingeschätzt werden, dass ihr zumindest in religiösen Fragen kaum Gehör geschenkt werden muss?

Die Vernunft und die Geistigkeit des Menschen -  Die Vernunft ist wesentlich harmloser, als man es angesichts der spannungsreichen Geistesgeschichte vermuten würde. Sie ist denn weder gut noch böse und auch dem Glauben nicht im geringsten feindlich gesinnt. Sie ist gänzlich neutral. Sie ist neutral, wie jede Fähigkeit, die der Mensch auf seinem Entwicklungsweg mitbekommen hat. Die Vernunft ist ein Instrument.

Bedeutung und Wert der Vernunft hängen, wie bei jedem Instrument, vom Gebrauch ab, letztlich also vom Menschen, der sie einsetzt. ...

4. pdf - ZEITWENDE - Über Vernunft, Verstand, Denken, geistige Grundfähigkeiten

 

Fortsetzung folgt